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Seit genau sechs Jahren und sechs Monaten

Gedanken zum Auswandern ...

Seit genau sechs Jahren und sechs Monaten lebe ich nun in Kanada. Ich bin 32 Jahre alt, im Herzen und Verstand noch immer 19, und ich muß feststellen, dass ich dieselbe Person bin. Nun gut, nicht ganz dieselbe, denn die Milliarden Zellen in unserem Körper verändern und erneuern sich ständig, so dass wir praktisch jedes Jahre (oder alle fünf Jahre ... oder zehn?) einen brandneuen Körper haben. Der sich dann doch seltsamerweise älter und verbrauchter anfühlt. Aber ich komme vom Thema ab. Punkt ist, dass ich trotz Auswandern, weig weg von meiner Familie, Freunde und alles, womit ich aufgewachsen bin und mir gewohnt gewesen ist, noch immer dieselbe Persönlichkeit bin. Ja, ich bin um ein paar Herzschmerzen reicher und ich habe hier Dinge gelernt, die ich wahrscheinlich in der Schweiz nie gelernt hätte, und dadurch habe ich vielleicht sogar ein Quantum an Weisheit zugenommen. Aber jeden Morgen wache ich auf und ich finde mich mit denselben Hoffnungen, Träumen und Ängsten wieder. An machen Tagen kommt es mir vor, als wäre nur mein Körper in der Realität, wie ein Roboter, der die Pflichten erfüllt, für die er programmiert ist, aber mein Geist schwelgt in kitschiger Tagträumerei. Und manchmal holt mich folgernder grässliche, aber wahrer Satz zurück auf den Erdboden: Das Leben ist oft nicht so, wie man es sich ausgemahlt hat.

Seit Kindheit habe ich von der grossen, grünen Weite von Kanada geträumt, deren Horizont kein Ende hat, habe mir so sehr gewünscht, der Enge der Schweiz zu entkommen, um dort zu leben.

Und hier bin ich nun. Ich habe mir einen großen Traum erfüllt und ich liebe es. Es ist schwer, sich einen neuen, treuen Freundeskreis aufzubauen, es ist schwer, wenn man seine Familie und Freunde kaum sieht, und dennoch fällt es mir mit jedem Jahr schwerer, mir vorzustellen, in die Schweiz zurückzukehren. Meine Wurzlen hier wachsen immer länger, tiefer, weiter und kräftiger. In Ontario vermisse ich die Berge und den Jura, den feinen schweizer Käse und frisch gebackene Gipfeli. Aber zurück in der Schweiz würde ich den weiten Horizont von Kanada vermissen, die Aufgeschlossenheit ihrer Menschen - Menschen, die man zum ersten mal trifft und einem wie der beste Freund behandeln. Ich würde all die wunderschönen, stillen, unbesiedelten Seen vermissen, das Kanu-fahren auf einem Fluss und die Sonnenuntergänge am Lake Huron ...

Man kann niemals das Beste von beiden Welten haben. Oder doch? Mache ich vielleicht etwas falsch?

Ich habe mir einen weiteren Traum erfüllt (einen Traum nach dem anderen) und bin ich deswegen glücklicher? Ist mein Gemüt ruhiger? Mein Wesen ausgeglichener? Vielleicht ein bisschen, vielleicht auch gar nicht. Manchmal kenne ich mich selbst nicht.

Aber das ist okay so, denn es liegt in der menschlichen Natur, nach mehr zu streben, mehr zu wollen, immer das grünere Gras auf der anderen Seite des Hügels berühren zu wollen. Wir sind dazu verdammt, entweder in der Vergangenheit zu leben - unverzeihte Fehler, nostalgische Gefühle, unvergessene Reue und Groll - oder in der Zukunft - werden sich all meine Träume jemals erfüllen? Wie und wann werde ich sterben? Wo werde ich in ein paar Jahren sein?

Ich habe in der Schweiz alles liegen und stehen gelassen, habe meine Familie und meine Freunde verlassen, habe eine zweite Sprache und einen neuen Beruf gelernt, habe Herzen gebrochen und mir mein eigenes brechen lassen, ich habe eine Tochter zur Welt gebracht und habe viele große und kleine Hürden im kanadischen Alltag gemeistert.

Und immer noch finde ich, dass die schwerste Aufgabe, die mir das Leben stellt, ist, im Hier und Jetzt zu leben, den Moment zu geniessen, Vergangenes ruhen zu lassen, sich nicht vor der Zukunft zu fürchten und einfach mit dem glücklich sein, was man hat, anstatt ständig an das zu denken, was man nicht hat.

Und dann frage ich mich: Wird das jemals aufhören? Wird sich dieses ständige Sehnen mit dem Alter legen? Ist man im hohen Alter endlich ruhig, gelassen und glücklich, auch, wenn man nicht all seine Ziele erreicht und alle Träume erfüllt hat?

Oder sind wir Menschen dazu verdammt, mit Sehnsucht im Herzen zu sterben?


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